Hochsensible Kindheit

In der Zeit, in der man die wenigste Lebenserfahrung hat, alles noch durch Beobachtung und Nachahmung lernt und von seiner Umwelt abhängig ist, stellt es sich natürlich am ehesten heraus, dass ein Unterschied zwischen einem selbst und den Menschen um einen herum besteht. In der Art, die Dinge zu beobachten, Sachen anzugehen, Vorlieben, Reaktionen. 

Da man noch nicht reflektiert, ist manches beängstigend, einiges fremd, ganz vieles tief beeindruckend. 

Ich hatte das Glück, in einem stabilen Umfeld aufzuwachsen, was für hochsensible Kinder einen wesentlichen Meilenstein in ihrer Entwicklung bedeutet - Stichwort: Urvertrauen ins Leben und in die Menschen.
Durch die Berufstätigkeit beider Eltern war ich viel auf mich allein gestellt, ein Zustand, der bereits der ganz jungen HSP sehr zugute kommt, mir höchst willkommen war und ein tiefes Bedürfnis zufrieden stellte.
HSKindern ist so gut wie nie langweilig, und dafür brauchen sie gar keine Kameraden. Natürlich hatte ich Freunde und ein gut funktionierendes soziales Netz, aber ich machte auch die schönsten Erfahrungen mit mir selber, erfand Spiele, schrieb meine ersten Geschichten, erlebte eine Parallelwelt in meiner Fantasie. 
Filme, Musik, Bücher - all das beeindruckte mich tief und konnte mich damals schon tagelang gedanklich beschäftigen. Hier stieß ich das erste Mal auf die Unterschiede zu anderen: wollte ich davon erzählen und dachte, dass die Resonanz gleich meiner sein würde, so war ich erstaunt, wie unberührt die anderen davon schienen. Meine Begeisterungsfähigkeit hat die der anderen immer schon bei weitem überholt. Das habe ich lange nicht verstanden, wie das funktionieren konnte.

Wildes Toben, schwimmen gehen mit der Clique in der Hitze, Bäume klettern oder die verhassten Ballspiele waren mir höchst zuwider. Ich kam mir so seltsam vor, jedes Kind gab Turnen als sein Lieblingsfach an, freute sich darauf, für mich bedeutete das nur Stress, ich hatte im Kopf einen perfekten Überblick über all die Gefahren, die da lauerten, wo blieb da Platz für gute Laune? Der Turnsaal stank nach alten Socken und jugendlichem Schweiß, es war immer zugig in der Halle und alle brüllten durcheinander, vom Konkurrenzdruck ganz zu schweigen. Bis heute erschließt sich mir nicht, was daran hätte Freude bereiten sollen.
Da waren mir Deutsch oder Musik weit lieber, waren es doch Fächer voller Ästhetik und schöner Künste.  
Und man musste nicht schwitzen dabei. 

HSK lieben einen geregelten Ablauf (der HS Erwachsene eigentlich auch ;) ), selten kann man ihnen mit Überraschungen und plötzlichen Änderungen des Ablaufs eine große Freude machen. Sie sind gerne daheim, man muss sich also nicht denken: ich sollte mein Kind da und dort hin schleppen, damit es viel sieht von der Welt. Das HSK ist davon nur gestresst - und keine Sorge, liebe Eltern: es wird die Welt ganz von allein viel tiefer entdecken, als ihr sie ihm zu zeigen vermögt.
Sorgt lieber für die Stress - und Reizreduktion und vertraut der guten Intutition eures Kindes, dass es genau weiß, was gut für es ist!  
Trotzdem soll es sehr früh lernen, dass HS nichts ist, was ihm alle Rechte einräumt, bzw sie als Accessoire vor sich her trägt und alles damit entschuldigen will.
HSK brauchen genauso Grenzen und einen Rahmen wie nicht nicht HSK. Man kann davon ausgehen, dass ihr Gerechtigkeitssinn und ihr moralisches Empfinden schon in der Kindheit weit genug entwickelt sind, dass sie verstehen können, warum ein NEIN jetzt angebracht ist.

HSK sind oft auch gleichzeitig sehr intelligent und auf einem Gebiet hochbegabt. Werden sie dahingehend gefördert, können hier wahre Schätze heran gedeihen.

In diesem Sinne, Liebe und Vertrauen in das Kind, gepaart mit einer Prise Schutz und einem guten Rahmen um es herum (davon wird es immer mehr brauchen als ein normal sensibles Kind) lassen sicher einen selbstbewussten und in sich gefestigten Erwachsenen heranreifen - ganz abgesehen von der besonderen Veranlagung des Nervensystems. 

Bleibt zart kräftig! 

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