Natur

Es gibt da ein Hindernis in der Literatur über Hochsensibilität, über das ich immer wieder stolpere. Generell finde ich Verallgemeinerungen weniger gut, diese kommt mir bei jedem Buch in die Quere:

HSPs sollen sich viel in der Natur aufhalten, Natur tut HSPs gut, um ihr überreiztes Nervenkostüm zu erden, raus raus raus mit ihnen ins Freie.

Es tut mir leid, aber das habe ich nie so erlebt. Natur ist für mich ein gewaltiges, monumentales und Ehrfucht gebietendes Feld, randvoll mit Reizen, Energien und Schwingungen. Natur hat auf mich immer schon wie ein Bergkristall gewirkt - hat jede meiner Stimmungen verstärkt - also ich werde mich hüten, ausgerechnet dann einen Waldspaziergang zu machen, wenn ich gerade reizüberflutet und dadurch aufgewühlt bin. Oft musste ich das gar nicht sein und kann trotzdem ihre Macht spüren. Begebe ich mich an die Ufer des Sees, in dessen Nähe ich lebe, spüre ich sein Atmen und die Kraft der Wellen, und es erzeugt einen inneren Sog, mich an etwas zu erinnern, das jenseits meines Bewusstseins liegt. Das ist wunderschön, aber Entspannung geht anders.
Ich habe größten Respekt vor der Schöpfung, und wenn sie aufwartet mit Landschaften, die einem den Atem rauben, habe ich nasse Augen und ein weites Herz.
Aber nie, wirklich niemals würde ich sie als Ressource nutzen, um meine Reizverarbeitung zu managen. 

Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass ich das viel besser in einer Fußgängerzone einer Stadt schaffe. Inmitten anonymer Menschen und doch dem Beweis für Leben und Zivilisation kann ich ganz bei mir ankommen. Menschen blende ich leichter aus als die machtvollen Schwingungen von Mutter Erde.  

Als HSP bin ich immer wieder gerne für mich alleine, daraus schöpfe ich Kraft und Energie, aber wenn weit und breit nur Natur um mich ist, ohne Begrenzung, das erzeugt ein Gefühl der Einsamkeit. In eine Landschaft begebe ich mich, um mich beeindrucken zu lassen, um zu fühlen, woher ich komme, um mich mit dem Leben zu verbinden -  aber nicht, um mich zu erholen. Das kann ich woanders leichter und besser. 

Deshalb sollte man nicht alle HSPs in einen Topf werfen und die Natur als Erdungs - Ressource dogmatisieren. Für mich waren es immer schon Städte. Menschenmassen sind mir eine Belastung, aber verteilt über schöne Architektur und atmosphärische Kaffeehäuser, eingebettet in Kunst und Kultur, kann ich sie ganz gut aushalten, ja, da verschwinden sie nahezu. Ich liebe die Aura von Städten.

Was wir nicht außer Acht lassen sollten, ist, dass Natur nicht nur aus Flüssen, Bergen und Wäldern besteht, da gibt es noch ihre Bewohner, die Tiere.
Von ihnen kann man sich ein großes Stück Natur holen, die Energie der wunderbaren Geschöpfe ist Balsam für ein überreiztes HSP - System. 

Was ich damit sagen will - es ist vollkommen in Ordnung, wenns einen nicht raus treibt, man kann sich auch an seinen Hund kuscheln, einen Vogel beobachten, oder sich barfuß in den Schaukelstuhl setzen, über Kopfhörer in den Gesang von Walen eintauchen, dabei dem Flug der Wolken zusehen und sich so die Kraft der Natur in seine geistigen Welten holen...

 

Kommentare

  1. Ich denke, das ist generell ein Problem bei Ratgeberliteratur: Es wird viel verallgemeinert, ohne auf mögliche Ausnahme hinzuweisen.
    Dabei ist die Schuld eher weniger den Autoren zu geben, denn solcher Art Literatur bedient sich gerne gedanklicher Schubladen, und die Autoren müssen oft von sich selbst ausgehen, weil es noch an intensivem Austausch mit anderen Betroffenen mangelt.
    Es sollte jedoch der Appell an die Leser gehen, nicht immer sofort alle Aussagen auf sich zu beziehen, sobald sie die eine oder andere Übereinstimmung mit dem eigenen Befinden oder Verhalten feststellen konnten.
    Nehmt mit, was immer ihr als richtig und zutreffend für euch empfindet, und vom Rest lasst euch nicht verunsichern.
    HSP ist ein solch komplexes Thema, da glaube ich nicht, dass es nur allgemeingültige Aussagen dazu geben kann.
    Also immer schön offen für alles bleiben, aber niemals den kritischen Blick darauf verlieren!

    Liebe Grüße an alle Leser hier. Ich finde dieses Blog auch als Nicht-HSP sehr spannend und informativ.
    Z.

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