Zu früh gegangen (in Memoriam Tim Bergling)

Der frühe und tragische Tod von DJ und Produzent Avicii beschäftigt und berührt mich auf vielen Ebenen, unter anderem auch unter dem Aspekt seiner Hochsensibilität.

In Zeiten wie diesen, wo eine Castingshow nach der anderen aus dem Boden schießt, Eltern ihre Kinder ins Rampenlicht zerren, um möglicherweise eigene ungelebte Träume zu verwirklichen bzw sich über das Kind profilieren zu wollen, kann man nicht genug warnen, nicht zu Eislaufeltern zu mutieren und Kindern Raum zur eigenen Entfaltung in DEREN Tempo zu geben. Vor allem, wenn man bemerkt, dass es ein herausragendes Talent hat, kann man meist davon ausgehen, dass es auch eine hohe Sensitivität besitzt. Hochbegabung und Hochsensibilität gehen sehr oft Hand in Hand, die HS wird dabei aber meist nicht enttarnt, sondern als besondere Strahlkraft erlebt, was Menschen wiederum umso mehr reizt, sich daran zu hängen und von dieser Energie mitzunaschen. Gerade diese Talente werken aber lieber im Hintergrund, das Rampenlicht zerfrisst ihre Seele. Nicht umsonst hat Tim sich vor zwei Jahren von der Bühne zurückgezogen, hat gemerkt, er hat seine Grenze längst weit überschritten. Zu weit.

Es gibt aber auch die andere Seite der Medaille, wenn diese Hochbegabten sich selbst treiben, ganz ohne Druck von Eltern und Außenstehenden, alleine durch ihren Genius und ihren Perfektionismus, der gerade bei HSPs oft über das Ziel hinausschießt. Die eigenen Grenzen verschwimmen, man verliert sich in sich selbst.
Das ist oft schwer zu bemerken für das Umfeld, da HSPs oft nicht wirken wie Mimosen, so sie nicht zu den sehr Introvertierten gehören, sondern stark, energiegeladen und wie gesagt, von einer besonderen Strahlkraft umgeben, die Menschen anzieht wie Motten das Licht.
Jeder Mensch braucht und sehnt sich nach Aufmerksamkeit und Zuneigung, es gibt aber auch zuviel davon, und das begräbt einen dann unter den Erwartungen der anderen.
Zu schnell verlässt man das sichere Terrain der eigenen Grenzen, die aber für HSPs überlebensnotwendig sind, da sie sie viel schneller erreichen als der Normalsensible.

Daher mein Appell an alle, die eine HSP, egal jetzt ob mit Talent für die Bühne oder einer hohen sozialen Kompetenz, in ihrem Umfeld haben: passt ein wenig auf sie auf! Sie tuns nämlich selbst oft zu wenig.
Sie schaffen es nicht, im entscheidenden Augenblick NEIN zu sagen, sie verlieren ihre eigenen Bedürfnisse aus den Augen, vor allem sind sie angentrieben von einem fast manischen Perfektionismus und völlig überzogenen Erwartungen an das Leben, ihre Mitmenschen und sich selbst, was unmöglich zu erfüllen ist und sie dann in ein tiefes Loch stürzen kann. 
Man soll natürlich auf alle Menschen in seinem Umfeld aufpassen, aber Hochsensible brauchen euch stabile Normalsensible zum Austarieren der eigenen Balance - nur im gemeinsamen Kontext können wir gut (über)leben. Denn ihr profitiert auch von den HSPs, auf Ebenen, die euch vielleicht ohne sie verborgen bleiben.

Tims Eltern haben einen Brief verfasst, der wie folgt lautet:  

"Unser geliebter Tim war  ein Suchender, eine zerbrechliche Künstlerseele auf der Suche nach Antworten, nach dem Sinn des Lebens. Ein überbordender Perfektionist, der hart arbeitete und viel reiste, was zu extremem Stress führte. Als er mit den Tourneen aufhörte, wollte er die Balance finden, um glücklich zu sein und das zu machen, was er am meisten liebte - Musik. Er hat wirklich immer gekämpft mit den Fragen nach tieferem Sinn, Leben und Glück. Er konnte nicht mehr weitermachen. Er wollte Frieden finden. Tim war nicht gemacht für die Business - Maschinerie, in der er sich wiederfand. Er war ein sensibler Junge, der seine Fans liebte, aber das Rampenlicht gemieden hat. Tim war Avicii, aber Avicii war niemals Tim. Er war süß, feinfühlig und nicht der Junge, der auf Partys gehen wollte, nie verstehen konnte, was Menschen dort suchen. Feste, die Szene, Blutsauger statt Freunde - das alles war zuviel für seine hochsensible Seele. Am liebsten schaute er Filme die ganze Nacht, anstatt zu feiern bis in den Morgen. Es war, als wüsste er nicht, wer er ohne seine Karriere ist, aber letztendlich hat seine Karriere ihn buchstäblich umgebracht. 

Tim, wir werden dich für immer lieben und du wirst uns unendlich fehlen. Der Mensch, der du warst und deine Musik wird dich unvergessen machen.  Wir lieben dich, deine Familie. "

Tim selbst sagte über sich und die Szene: "Ich wurde erwachsen, während ich als Künstler wuchs. Ich lernte mich selbst besser kennen und stellte fest, dass ich soviel mit meinem Leben anfangen möchte. Ich habe viele Interessen in unterschiedlichen Bereichen, aber kaum Zeit, sie zu erkunden. Ich muss etwas für meine Gesundheit tun. Die Szene war nichts für mich. Es waren nicht die Shows und die Musik. Es war dieses ganze Drumherum, das nicht meiner Natur entspricht. Ich bin eine introvertierte Person, deswegen war es immer sehr schwer für mich. Ich habe dort zuviel negative Energie mitgenommen, denke ich. Ich wurde nicht mehr glücklich. Partys können großartig sein, aber es ist sehr leicht, an Orten wie Ibiza davon abhängig zu werden. Du wirst einsam, bist verängstigt, es vergiftet dich."

In beiden Statements ist eigentlich alles festgehalten, was die wahre Tragik seines Lebens und seines viel zu frühen Todes ausmacht. Denn es geht der Welt etwas unglaublich Wertvolles mit Menschen wie ihm verloren. Er, der sagte, es seien nicht die Auftritte auf der Bühne, es sei die Partyszene dahinter - sie vergifte Seelen. Tims Vermögen wird auf 80 Millionen Euro geschätzt, erst jetzt treten all die Organisationen an die Öffentlichkeit, für die er im Stillen Millionen gespendet hat, er wird zitiert: "Mit all dem Geld, das man selbst nicht braucht, kann man nur das einzig Sinnvolle machen, nämlich es jenen geben, die es brauchen."

Solche Seelen sollten da bleiben, ganz dringend - die Welt, wie sie dasteht, abgewandt von allem, was zählt und zugewandt dem kalten Materialismus braucht sie wie einen Bissen Brot. Wer ihn wirklich erleben will, sollte sich auf Youtube nicht nur seine Auftrittsvideos ansehen, sondern die, in denen er mit seinem Hund agiert.
Manager haben sich wahrscheinlich die Haare gerauft und die Zähne an ihm ausgebissen, als er zurücktrat. Aber man wird auf der ganzen Welt keine HSPs finden, die an bloßem Verdienst und materiellen Werten interessiert sind, geschweige denn glücklich damit werden.
Siehe Robin Williams, Michael Jackson, Lady Di etc...zerbrechliche Seelen, herausragende Talente mit einer hohen Empathie für bedürftige und leidende Menschen und die Natur. 

Schützt euren Seelenkern, liebe Hochsensible!

(diesen Text widme ich Tim Bergling alias Avicii, eine hochsensible Seele, die leider am Leben zerschellt ist.) 



 




Kommentare

Favoriten